activity-racing-team

Doping im Radsport: Frust bei den Amateuren

Ein Appell an das Gewissen
Marc Sanwald, Sportlicher Leiter des Activity-Racing-Teams des TSV Schmiden, sorgt sich um die Zukunft des Amateurradsports

Von unserem Redaktionsmitglied Thomas Wagner

Dopingverdächtige, überführte und geständige Radsportler, fragwürdige Comeback-Ankündigungen, gegenseitige Schuldzuweisungen und kollektive Ratlosigkeit: Wer mit dem Radsport eng verbunden ist wie Marc Sanwald, Sportlicher Leiter des Activity-Racing-Teams des TSV Schmiden, kann leicht die Lust verlieren. „Ich habe in den vergangenen Wochen viel Frust geschoben“, sagt er - und macht sich Sorgen um die Zukunft des Amateurradsports.

„Soll ich lachen oder passend zur Situation heulen?“ fragt Marc Sanwald den Fotografen. Normalerweise ist der 35-Jährige ein fröhlicher Mensch, die täglichen Dopinggeschichten haben ihm allerdings mittlerweile die Laune gründlich verdorben. „Ich habe langsam keine Lust mehr, über Doping zu sprechen“, sagt er. Entziehen kann er sich dem Thema nicht. Zum einen fährt er selbst Amateurrennen und spürt die Reaktionen der Menschen am eigenen Leib. „Auf der Straße hupen die Autofahrer, zeigen einem den Finger oder deuten an, sich in den Arm zu spritzen.“ Es gebe sogar welche, die beim Überholen die Spritzanlage der Scheibenwischer anschalteten.
Ein solches Verhalten ärgert und frustriert Sanwald, der sich in jüngster Zeit rargemacht hat auf der Straße. „Ich hab’ das Mountainbike geschnappt und im Wald Ruhe gesucht.“

„Das ist ein Genickbruch für den Amateurradrennsport“

Sanwald ist nicht nur persönlich betroffen als einer, dessen „Herz am Radsport hängt“. Die jüngsten Dopingfälle haben den Ruf des Radsports nachhaltig ruiniert. ARD und ZDF werden im nächsten Jahr keine Live-Bilder von der Tour de France senden, die Deutschland-Tour und das Sechstage-Rennen in Stuttgart sind abgesagt worden. Damit aber nicht genug: Auch den LBS-Cup, die größte Radsportserie für Amateure in Süddeutschland, wird’s 2009 mit großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr geben. „Das ist ein Genickbruch für den Amateurradsport“, sagt Sanwald. „Die Profis machen unseren Sport kaputt.“
Mit den Schumachers und Kohls habe der Amateurradsport nichts zu tun, das seien zwei paar Stiefel. Die Sponsoren indes würden häufig nicht unterscheiden und aussteigen. Deshalb hat sich Sanwald große Sorgen gemacht um den Fortbestand der württembergischen Bergmeisterschaft, die das Activity-Racing-Team am 16. Mai nächsten Jahres wieder veranstalten wird. „Ich bin sofort auf unsere Sponsoren zugegangen“, sagt er - und war erleichtert, dass sie spontan ihre weitere Unterstützung zusagten. Sollte ein Dopingfall im Team bekanntwerden, würde das Engagement allerdings umgehend beendet.
„Wären unsere Sponsoren abgesprungen, wäre nicht nur die Meisterschaft auf der Kippe gestanden, sondern auch unser Team.“ Mit den Einnahmen aus der Veranstaltung bezahlt Sanwald die Lizenzen seiner rund 50 Fahrer. Außerdem sei das Heimrennen eine prima Möglichkeit, das Team zu präsentieren. An ihm hängt Sanwalds Herz, und der 35-Jährige will sich den Spaß am Radsport durch die jüngsten Ereignisse nicht verderben lassen. Er ist sich sicher, dass es bei den Amateuren „ehrlicher und offener“ zugeht - „auch wenn’s auch hier sicher schwarze Schafe gibt“. Für Sanwald steht’s außer Frage, wo die Gründe für den Dopingmissbrauch liegen. „Jeder Mensch ist mit Geld zu beeinflussen.“
Radsportler stünden unter einem enormen Leistungsdruck, müssten sich ständig neu beweisen. Den Fußballern reiche in der Regel ein ordentlicher Vertrag, dann hätten sie ausgesorgt. „Außerdem zählt in Deutschland nur der Sieger, der Zweite ist schon der erste Verlierer.“ Bestes Beispiel sei Andreas Klöden gewesen, dessen Leistung nie richtig anerkannt worden sei. Ganz abgesehen davon, ob sie mit oder ohne Doping zustande gekommen sei. Für den Sportler sei die „deutsche Mentalität“, nur dem Sieger zuzujubeln, das Signal, noch mehr tun.

„Die Fahrer sind nur Spielbälle“

Die Absage der Deutschland-Tour überrascht Sanwald nicht unbedingt. „Das ist schade, zumal gerade ein neuer Hauptsponsor gefunden wurde. Aber auch das ist typisch deutsch.“ Sanwald fragt sich, warum die Tour de France und der Giro d’Italia gefahren werden - und gibt gleich die Antwort. „Das ist eine riesige Geldmaschinerie.“ Sein Vorschlag: „Vielleicht sollten sich die Fahrer hinstellen und sagen, da machen wir nicht mehr mit.“ Sanwald bezweifelt jedoch, dass es jemals so weit kommen wird. „Die Fahrer sind nur Spielbälle.“
Direkt betroffen von der Absage der Stuttgarter Sixdays ist das Aushängeschild des Activity-Racing-Teams, Leif Lampater. Sanwald glaubt nicht, dass die Dopinggeschichten der Grund sind für das Aus, sondern die schwindenden Zuschauerzahlen. „Für den Veranstalter ist das ein gefundenes Fressen.“
Eine Lösung, wie’s weitergehen soll im Radsport, hat auch Sanwald nicht. „Ich denke aber, die Ärzte sollten mehr in die Pflicht genommen werden. Schließlich haben sie einen Eid geschworen.“ Irgendeiner müsse den Sportlern ja erklären, wie sie dopen müssen. „Vielleicht bin ich auch zu naiv“, sagt er. „Womöglich kann man die Anleitung aus dem Internet runterladen.“ Sanwald glaubt nicht, dass die Fahrer irgendetwas zu sich nehmen, ohne den Inhalt zu kennen. So viel Vertrauen könne kein Mensch in einen anderen haben.
Sanwald appelliert an den gesunden Menschenverstand der Sportler. „Wenn ich meinen Körper am absoluten Limit bewege, spüre ich das Endorphin und Adrenalin“, sagt er. „Dieses Gefühl muss einem Gedopten doch abgehen.“

Waiblinger Kreiszeitung 23.10.2008